Gasspeicher historisch niedrig gefüllt – droht Deutschland im Winter ein Engpass?

Deutschland. Die deutschen Gasspeicher sind Anfang September so niedrig gefüllt wie seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen vor 15 Jahren nicht mehr. Während der Speicherverband INES vor möglichen Problemen bei einem extrem kalten Winter warnt, sieht die Bundesregierung derzeit keine akute Gefahr einer Gasmangellage.
Matthias Brüning
Die Entwicklung im September und Oktober dürfte maßgeblich dafür sein, mit welchem Sicherheitspolster Deutschland in die Heizperiode startet (Foto: Matthias Brüning)

Die deutschen Gasspeicher waren Anfang September lediglich zu rund 53 Prozent gefüllt. Inzwischen liegt der Füllstand bei etwa 55 Prozent. Zum Vergleich: Anfang September 2025 waren es noch rund 71 Prozent. Damit startet Deutschland mit einem ungewöhnlich kleinen Gaspolster in die letzten Wochen der Befüllungsphase.

Nach Berechnungen der Initiative Energien Speichern (INES) könnte bis zum 1. November technisch noch ein Füllstand von rund 77 Prozent erreicht werden. Dafür müsste in den kommenden Wochen allerdings erheblich mehr Gas eingespeichert werden als zuletzt.

Extrem kalter Winter könnte problematisch werden

Besonders interessant ist die Modellrechnung für den kommenden Winter. Bei normalen Temperaturen würden nach Einschätzung von INES rund 77 Prozent Speicherfüllstand zum 1. November ausreichen, um Deutschland durch den Winter 2026/27 zu bringen.

Anders sieht es bei einem außergewöhnlich kalten Winter aus. Sollte sich ein Winter ähnlich dem Jahr 2010 wiederholen, könnten selbst zu 77 Prozent gefüllte Speicher nach der Modellrechnung nicht ausreichen. In einem solchen Extremszenario könnten die Speicher bereits Anfang Februar weitgehend beziehungsweise vollständig geleert sein.

Bleibt das derzeitige Einspeichertempo dagegen bestehen, könnte der Füllstand Anfang November sogar nur bei ungefähr 63 Prozent liegen.

Bundesregierung hält 60 bis 70% für ausreichend

Die Bundesregierung bewertet die Situation weniger kritisch. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums würden Speicherstände zwischen 60 und 70 Prozent zu Beginn des Winters zusammen mit den weiterhin vorhandenen Importmöglichkeiten voraussichtlich ausreichen, um den erwarteten Gasbedarf zu decken.

Deutschland ist heute zudem weniger ausschließlich auf seine Gasspeicher angewiesen als während der Energiekrise 2022. Gas kann über Pipelines sowie über LNG-Terminals importiert werden.

Auch die Bundesnetzagentur sieht derzeit keine akute Versorgungskrise. Die Gasversorgung in Deutschland sei stabil und die Versorgungssicherheit aktuell gewährleistet. Die Behörde nimmt die vergleichsweise niedrigen Speicherstände allerdings nach eigenen Angaben „sehr ernst“.

Für die Versorgungssicherheit seien neben den Speichern auch Pipeline- und LNG-Importe, die vorhandene Infrastruktur sowie der Gasverbrauch entscheidend.

Entscheidend werden die kommenden Wochen

Die Entwicklung im September und Oktober dürfte damit maßgeblich dafür sein, mit welchem Sicherheitspolster Deutschland in die Heizperiode startet.

Für die meisten deutschen Speicher gilt zum 1. November grundsätzlich eine gesetzliche Füllstandsvorgabe von 80 Prozent. Für einige Speicher gelten niedrigere Vorgaben. Zum 1. Februar 2027 liegt die Vorgabe grundsätzlich bei 30 Prozent.

Eine unmittelbare Gasmangellage zeichnet sich derzeit also nicht ab. Ein sehr kalter Winter in Kombination mit niedrigen Speicherständen oder zusätzlichen Problemen bei den Importen könnte die Versorgungslage jedoch deutlich verschärfen.

Neben der physischen Versorgung bleibt außerdem die Preisentwicklung ein Risiko: Hohe internationale Gaspreise könnten sich im weiteren Verlauf auch auf Verbraucher und Unternehmen in Deutschland auswirken.

 

KOMMENTAR: Beim Gas verlässt sich die Bundesregierung auf einen milden Winter

Von Matthias Brüning

Die Energiekrise des Jahres 2022 sollte eigentlich eine Lehre gewesen sein: Deutschland darf bei seiner Gasversorgung nicht erst reagieren, wenn es bereits eng wird. Umso erstaunlicher ist es, wie gelassen die Bundesregierung derzeit auf die ungewöhnlich niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher blickt.

Anfang September waren die Speicher lediglich zu rund 53 Prozent gefüllt – so wenig wie zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen vor 15 Jahren nicht mehr. Trotzdem hält die Bundesregierung einen staatlichen Eingriff derzeit nicht für erforderlich.

Das kann gut gehen. Ein normaler oder milder Winter dürfte nach den derzeitigen Berechnungen beherrschbar sein. Deutschland verfügt heute außerdem über deutlich mehr Importmöglichkeiten als noch während der Energiekrise 2022. Pipelinegas und LNG-Terminals sorgen dafür, dass die Speicher längst nicht die einzige Säule unserer Gasversorgung sind.

Aber Versorgungssicherheit sollte nicht darauf beruhen, dass möglichst alles gut läuft.

Der Speicherverband INES hält bis zum 1. November technisch noch einen Füllstand von rund 77 Prozent für möglich. Gleichzeitig zeigen dessen Berechnungen: Bei einem außergewöhnlich kalten Winter könnten selbst solche Speicherstände nicht ausreichen.

Natürlich kann der Staat nicht jede wirtschaftliche Unsicherheit beseitigen und auch nicht unbegrenzt Gas zu hohen Preisen einkaufen. Doch die Frage muss erlaubt sein, warum Deutschland wenige Wochen vor Beginn der Heizperiode mit historisch niedrigen Reserven dasteht und die Politik dennoch weitgehend auf den Markt vertraut.

Denn Gasspeicher haben einen entscheidenden Zweck: Sie sind unser Sicherheitspolster für genau jene Situationen, die wir nicht vorhersehen können – einen außergewöhnlich kalten Winter, ausfallende Lieferungen oder neue geopolitische Krisen.

Die Bundesregierung argumentiert, dass ein Speicherstand von 60 bis 70 Prozent zu Beginn des Winters zusammen mit den bestehenden Importmöglichkeiten ausreichen dürfte. Das mag rechnerisch stimmen. Doch zwischen „dürfte ausreichen“ und einer komfortablen Sicherheitsreserve besteht ein erheblicher Unterschied.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre wäre es sinnvoller, mit möglichst gut gefüllten Speichern in den Winter zu gehen, statt darauf zu vertrauen, dass Pipeline- und LNG-Lieferungen jederzeit problemlos verfügbar bleiben und der Winter nicht außergewöhnlich kalt wird.

Noch besteht Zeit, die Speicher weiter zu füllen. Diese Zeit sollte genutzt werden.

Denn wenn der Winter mild wird, waren höhere Reserven vielleicht nicht notwendig. Wird er aber außergewöhnlich kalt oder kommt es zu Lieferproblemen, lässt sich im Januar nicht mehr nachholen, was im September und Oktober versäumt wurde.

Ein Kommentar von Matthias Brüning

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