Lingen – Sauerbruchstraße wird zur Julius-Moses-Straße – Feierliche Enthüllung würdigt Arzt, Sozialreformer und Demokraten

Lingen (pm). Mit der feierlichen Enthüllung des neuen Straßenschildes trägt die ehemalige Sauerbruchstraße in Lingen künftig den Namen Julius-Moses-Straße. Zahlreiche Gäste kamen am Wochenende zusammen, um diesen besonderen Moment gemeinsam zu begehen.
Phil Gerdes
Enthüllten gemeinsam das neue Straßenschild: (v. li.) Oberbürgermeister Dieter Krone, Lindsay Nielson (Enkel von Julis Moses), Irene Vehring (Vorsitzende des Kulturausschusses), Kathleen Wolf (Enkelin von Julius Moses),  Paul Nemitz (Enkel von Julis Moses), Simon Göhler (Vorsitzender des Forums Juden-Christen) und Stefan Heskamp (Vorsitzender des Förderkreises Damaschke). (Foto: Stadt Lingen)

Unter ihnen waren Vertreterinnen und Vertreter des Rates, des Forums Juden-Christen, des Förderkreises Damaschke, Anwohnerinnen und Anwohner sowie Nachfahren von Julius Moses, die eigens aus Australien, den USA, England, Irland, Italien und weiteren Ländern nach Lingen gereist waren.

Oberbürgermeister Dieter Krone bezeichnete die Umbenennung als Ergebnis eines intensiven und sorgfältigen Prozesses. Historische Forschung, politische Beratungen und öffentliche Diskussionen hätten dazu beigetragen, eine fundierte Entscheidung zu treffen. „Straßennamen sind weit mehr als bloße Orientierungshilfen. Sie spiegeln die Werte wider, die eine Stadtgemeinschaft sichtbar machen und an kommende Generationen weitergeben möchte“, betonte Krone.

Mit Julius Moses erhalte die Straße den Namen eines Arztes, Sozialreformers, Parlamentariers und überzeugten Demokraten. Der 1868 geborene Mediziner setzte sich Zeit seines Lebens für soziale Gerechtigkeit, eine bessere Gesundheitsversorgung und die Würde jedes Menschen ein. Als Jude, Sozialdemokrat und entschiedener Gegner des Nationalsozialismus wurde er 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort noch im selben Jahr.

„Der Name Julius Moses steht deshalb nicht nur für die Vergangenheit. Er ist Auftrag und Erinnerung zugleich: Niemals gleichgültig zu werden, Haltung zu zeigen und die Würde des Menschen zu verteidigen – überall und jederzeit“, sagte Krone.

Irene Vehring, Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt Lingen, würdigte den umfangreichen Prozess, der der Umbenennung vorausgegangen war. Ihr Dank galt insbesondere dem Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus für die wissenschaftliche Aufarbeitung sowie Dr. Heribert Lange, der den Namensvorschlag Julius Moses eingebracht hatte. Ebenso dankte sie den Anwohnerinnen und Anwohnern, die die Umbenennung mitgetragen und begleitet haben.

Für ein Jahr wird das Straßenschild sowohl den alten als auch den neuen Namen der Straße tragen. (Foto: Stadt Lingen) 

Für den Förderkreis Damaschke sprach dessen Vorsitzender Stefan Heskamp. Als jemand, der selbst im Stadtteil aufgewachsen ist, blickte er auf die Bedeutung des Erinnerungsortes für die Nachbarschaft. Er dankte allen Beteiligten, die den Weg der Umbenennung konstruktiv begleitet haben, und richtete einen besonderen Gruß an die Familie von Julius Moses. „Erinnerung lebt durch Menschen, durch Gespräche und durch die Frage, welche Werte wir weitergeben wollen“, sagte Heskamp.

Simon Göhler, Vorsitzender des Forums Juden-Christen, erinnerte daran, dass die Diskussion um die Umbenennung kontrovers und emotional geführt worden sei. Gerade deshalb sei sie notwendig gewesen. „Sich mit Straßennamen auseinanderzusetzen bedeutet, Verantwortung für die eigene Geschichte zu übernehmen“, betonte Göhler. Die Benennung nach Julius Moses sei ein wichtiges Zeichen der Erinnerungsarbeit und würdige zugleich jüdisches Leben und jüdische Geschichte in Deutschland.

Für die Familie von Julius Moses sprach dessen Enkel Paul Nemitz. Er zeigte sich bewegt von der Entscheidung der Stadt Lingen. „Etwas wie dieses erleben wir nur sehr selten“, sagte Nemitz. Die Umbenennung sei nicht nur eine Würdigung seines Großvaters, sondern zugleich Vision und Anspruch für die Zukunft. Mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen betonte er, dass Demokratie und Menschenwürde in jeder Generation neu verteidigt werden müssten.

Es brauche Engagement und den gemeinsamen Einsatz gegen Antisemitismus, aber ebenso gegen Islamfeindlichkeit und jede Form von Ausgrenzung. Besonders beeindruckt zeigte sich Nemitz vom demokratischen und transparenten Verfahren, das die Stadt Lingen bei der Umbenennung gewählt habe.

Die Stadt Lingen würdigt mit der Benennung der Julius-Moses-Straße einen Menschen, dessen Leben und Wirken für Demokratie, soziale Verantwortung, Menschlichkeit und Zivilcourage stehen. Zugleich setzt die Stadt ein sichtbares Zeichen für eine lebendige Erinnerungskultur und für die Werte einer offenen und demokratischen Gesellschaft.

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