Historiker Götz Aly in Lingen – Fast 200 Gäste bei Lesung im IT-Zentrum

Lingen (pm). „Wie konnte das geschehen?“ Diese Frage stand im Mittelpunkt der jüngsten Veranstaltung des Forums Juden Christen im Altkreis Lingen e.V., durchgeführt in Kooperation mit der Volkshochschule Lingen. Gestellt wurde diese Frage von Politikwissenschaftler und Historiker Götz Aly, der sein 2025 unter genau diesem Titel erschienenes Buch den fast 200 Gästen im IT-Zentrum Lingen vorstellte.
Phil Gerdes
Freuten sich über den großen Zuspruch zur Veranstaltung und den rundum gelungenen Abend (v.l.n.r.): Simon Göhler, Vorsitzender des Forums Juden-Christen im Altkreis Lingen e.V, Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly, Veronika Schniederalbers, Programmbereichsleiterin Politik an der VHS Lingen sowie VHS-Geschäftsführerin Ute Bischoff. (Foto: Katharina Mehring)

Der ausgewiesene Experte für die Zeit des Nationalsozialismus hat den Jahren zwischen 1933 bis 1945 ein knapp 700 Seiten starkes Werk gewidmet. In zwölf Kapiteln unternimmt er den Versuch, „Antworten auf diese eine Frage zu geben“. In seinem rund zweistündigen Vortrag – teils Lesung, teils freie Rede – zeichnete er die Bedingungen nach, unter denen der Nationalsozialismus an die Macht gelangen, sie diese innerhalb kurzer Zeit festigen und eine Diktatur errichten konnte.

„Wie konnte das geschehen?“ Zur Beantwortung der Frage verwies Aly unter anderem auf die Unterschiede im Umgang der Kirchen mit dem Nationalsozialismus. Während die protestantische Kirche aus ihrem damaligen theologischen Verständnis heraus schon bald etwa dem Gedanken der Rassentrennung habe folgen können, so Aly, sei der Widerstand der katholischen Kirche durch eine monatelange, von Gerichtsverfahren und Propaganda begleitete Kampagne zu Missbrauchsfällen gebrochen worden.

Auch die Gleichschaltung der Gewerkschaften und ihre Überführung in die Deutsche Arbeitsfront thematisierte Aly. Erkauft worden sei sie unter anderem durch wirtschaftliche Anreize für die Mitglieder und die Bestechlichkeit von Gewerkschaftsführern.

Insgesamt habe Hitler die wirtschaftliche Situation der unter der  Weltwirtschaftskrise stark leidenden Menschen zunächst verbessert, finanziert allerdings durch eine stetig wachsende und schließlich überbordende Staatsverschuldung, die 1939 in den Krieg geführt habe. Eine wichtige Rolle spielte für den Historiker zudem die Schwäche der demokratischen Parteien: „Zentrum, SPD und auch die liberalen Parteien haben viel geleistet, sich aber pünktlich zur Weltwirtschaftskrise zerlegt, zerstritten und konnten nicht mehr miteinander arbeiten.“

Komplexe Fragen und ausführliche Antworten gab es bei der abschließenden Fragerunde. (Foto: Katharina Mehring)

Ab 1941 sei der Übergang von der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in eine, so Aly wörtlich, „Verbrechergemeinschaft“ erfolgt. Diese sei von unterschiedlichem Ausmaß an Mitwissen, vom fehlenden Widerstand bis hin zur Bereitschaft zu morden geprägt gewesen. Den Gästen seiner Lesung riet Aly, sich nicht zu sicher zu sein, wie man selbst in dieser Zeit gehandelt hätte.

Mit Blick auf den wachsenden Zuspruch für die extreme Rechte schloss Aly mit einem eindringlichen Appell: „Heute zählt nur: Die Mitte stärken!“ Moderiert wurde die Veranstaltung, die mit einer Fragerunde endete, vom Vorsitzenden des Forums Juden-Christen im Altkreis Lingen e.V., Simon Göhler, sowie Veronika Schniederalbers, Programmbereichsleitung Politik bei der VHS Lingen.

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