Lingen – Ruth Frenk berührt bei der Langen Nacht der Kirchen mit ihren Memoiren

Lingen (pm). Wie lebt eine Familie nach der Shoah weiter? Und was geben Eltern, die Konzentrationslager und Verfolgung überlebt haben, an ihre Kinder weiter? Diesen Fragen näherte sich Ruth Frenk bei einer bewegenden Lesung im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen im Lern- und Gedenkort Jüdische Schule in Lingen.
Phil Gerdes
Ruth Frenk (Mitte) las im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen in der Jüdischen Schule aus ihrer Autobiografie und berichtete über das Leben der Lyrikerin Emma Kann. Simon Göhler (links) und Anne Gottschalk (rechts) vom Forum Juden-Christen dankten ihr für die persönlichen Einblicke in ihr Leben. (Foto: Jörg-Michael Gottschalk)

Die Jüdische Schule war bis auf den letzten Platz gefüllt, als die 1946 in Rotterdam geborene Sängerin, Gesangspädagogin und Autorin aus ihren Memoiren „Bei uns war alles ganz normal“ las. Frenk verband persönliche Erinnerungen und Fotografien mit Episoden ihres musikalischen Werdegangs und der Geschichte ihrer jüdischen Familie.

Im Mittelpunkt standen dabei immer wieder ihre Eltern, die die nationalsozialistische Verfolgung und das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatten. Über ihre Erfahrungen wurde in Frenks Jugend jedoch kaum gesprochen. Ihre Mutter starb, als Ruth Frenk erst 16 Jahre alt war. Erst später fand sie einen neuen Zugang zur Geschichte ihrer Eltern.

Besonders eindringlich wurde dies, als Frenk historische Aufnahmen zeigte und vom Schicksal ihrer Eltern in Bergen-Belsen und ihrer Befreiung berichtete. Hinter den historischen Ereignissen wurden zwei Menschen sichtbar, deren Erfahrungen auch das Leben ihrer Tochter prägten. Bewegend erzählte Frenk zudem davon, wie ihr Vater schließlich selbst zum Zeitzeugen wurde. Noch im Alter von rund 80 Jahren berichtete er Studierenden in Enschede über seine Erlebnisse während der NS-Zeit.

Ruth Frenk gehört zur sogenannten zweiten Generation, den Kindern von Überlebenden der Shoah. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass ihre eigene Biografie weit mehr umfasst als die Geschichte von Verfolgung und Erinnerung. Sie nahm das Publikum mit auf ihren ungewöhnlichen Weg zur Sängerin. Nach einem Studium der Soziologie und Volkswirtschaft entschied sie sich für den Gesang, studierte in Genf und später an der Manhattan School of Music in New York. 1974 kam sie nach Konstanz, wo sie bis heute lebt.

Jüdische Musik und die Erinnerung an die Shoah wurden zunehmend Teil ihres künstlerischen Wirkens. Sie beschäftigte sich unter anderem intensiv mit Musik und Gedichten aus Theresienstadt und entwickelte daraus eigene Programme. Während der Corona-Zeit begann Frenk schließlich, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

In einer zweiten Lesung schlug sie den Bogen erneut zu ihrer Familiengeschichte und stellte ihre Tante, die deutsch-jüdische Lyrikerin Emma Kann, vor. Kann musste vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen und verbrachte viele Jahre im Exil. Mehr als 25 Jahre lang besuchte Frenk ihre später erblindete Tante regelmäßig und setzte sich auch nach deren Tod für ihr literarisches Werk ein.

So wurde der Abend zu weit mehr als einer Buchvorstellung. Ruth Frenk machte anhand ihrer Familie erfahrbar, wie sich Verfolgung, Flucht und Shoah über Generationen in Lebensgeschichten einschreiben. Zugleich zeigte sie, wie Erinnerung mit Musik, Lebensfreude und persönlicher Begegnung verbunden werden kann.

Der voll besetzte Lern- und Gedenkort Jüdische Schule bot dafür einen besonderen Rahmen. Die Lesungen wurden vom Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V. im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen veranstaltet.

Zahlreiche Besucher kamen zu der Lesung in die Jüdische Schule im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen in Lingen. (Foto: Simon Göhler)

Wer Ruth Frenk auch musikalisch kennenlernen möchte, findet auf ihrem YouTube-Kanal „Ruth Frenk – Gesang“zahlreiche Aufnahmen aus ihrem künstlerischen Wirken. Dort sind unter anderem Lieder und musikalische Beiträge zu entdecken, die einen weiteren Einblick in ihr umfangreiches Repertoire geben. YouTube: Ruth Frenk – Gesang

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